Nachlese

Um es mit den Worten eines befreundeten Landwirtsohnes zu sagen:
„das war ganz ganz großes Kino!“

Wir haben mit 100 bis 150 Teilnehmern gerechnet. Der Wirt machte noch die freundliche Bemerkung „ na wenn da man überhaupt so viele kommen….“

Um 19.30 Uhr verloren sich so bummelig 15 Leutchen im Saal und eine 1/2 Stunde später stand der Wirt vor seinem Lokal mit aufkommender Panik und wollte keinen mehr reinlassen…

Es waren sage und schreibe rund 400 Bürgerinnen und Bürger gekommen!

Das hat es in Fintel zu einem politischen Austausch noch nie gegeben.

Entsprechend spannend war auch der Verlauf des Abends. Es war jetzt schwer den Überblick zu behalten, aber außer den Aselmann Männern (eine Tochter war da) waren wohl alle Landwirte mit Familien und Mitarbeitern, Freunden etc. gekommen und auch viele aus den benachbarten Ortschaften rund um Fintel, sowie natürlich auch unsere Mitstreiter.

Die Presse war vertreten durch die Rotenburger Rundschau und die Rotenburger Kreiszeitung. Auf das Drehen eines Filmes für Arte haben wir im Vorfeld, nach Rücksprache mit dem Kameramann, verzichtet, um hier bei einer ersten Veranstaltung keine, unter Umständen, negative Stimmung aufzubauen.

Ich habe es selber bisher noch nicht erlebt, dass über 2 Stunden eine so große Versammlung, zum großen Teil stehend, so aufmerksam allen Beiträgen gefolgt ist, wie das gestern der Fall war.

Herr Daub von der ev. Kirchengemeinde in Rotenburg hat moderiert und gleich in seiner Einführung ganz geschickt beruhigend auf die Versammlung eingewirkt. Es wurden dann Statements abgegeben von dem designierten Bürgermeister aus Fintel, Hr. Rüdiger Bruns, Hr. Pastor Steinke, Hr. Manfred Radke vom B.U.N.D und Sarina Pils vom NABU. Alle Redner haben aus ihrer Sicht der Dinge zum Gelingen des Abends beigetragen. Der unermüdliche Versuch von Hr. Daub auch eine Stimme von den Landwirten oder dem Landvolkverband, der auch im Saal vertreten war, zu bekommen, war leider erfolglos. Um wieder auf den Kommentar des oben schon erwähnten zurückzugreifen „ da hat doch keiner A…. in der Hose mal aufzustehen und seinem Landwirtskollegen Aselmann zur Seite zu springen“.

Dann folgte der Auftritt von unserem ersten Podiumssprecher, Hr. Eckehard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Es waren nur 15 Minuten – aber in dieser kurzen Zeit hat er es geschafft die Landwirte, als einer von ihnen, abzuholen, da wo sie heute stehen und mitzunehmen auf eine Reise in eine Zukunft, wo die gesellschaftliche Akzeptanz ihrer Arbeit gewürdigt wird und auch die Entlohnung dafür stimmen muss. Und so manchem wurden die Augen geöffnet, auf welches finanzielle Abenteuer sich Familie Aselmann da einlassen will in einem in Deutschland gesättigten Markt mit Steigerungsraten von 80 Hähnchenmastställen pro Jahr und tatsächlich 900 allein in diesem Jahr geplanten Anlagen. Das ganze vor dem Hintergrund eines aufrüstenden Russlands mit Millionen von neuen Mastplätzen. Dann heißt es auch noch Abschied nehmen von der eigenen Scholle, alles Futter bei ständig steigenden Kosten zu kaufen und am Ende mit bald schon fallenden Preisen bei der Vermarktung der gequälten Tiere zu rechnen. Klarer Appell an Familie Aselmann „ lasst das sein! Tut Euch und Eurer Umwelt das nicht an!“ Hier gab es reißenden Applaus für diesen Beitrag und das auch von einigen Landwirten.

Zum Abschluss hat Stefan Johnigk von der ProVieh aus Kiel Alternativen aufgezeigt, wie man mit artgerechter Tierhaltung in verschiedenen Modellen im gemeinsamen Kontext zwischen Verbraucher und Produzent ein Auskommen finden kann. Hier ist noch weiterer Gesprächsbedarf erkannt und wir stehen hier am Anfang von Ideen, die es auch in unserer BI zu diskutieren gilt.

Sein Vortrag endete mit dem Statement als Tierschützer, „der schönste Tag eines Masthähnchens ist der Tag an dem es geschlachtet wird, dann gehen unsäglich qualvolle 40 Tage Leben im eigenen Kot unter furchtbaren Bedingungen zu Ende.“ Auch hier applaudierte der Saal und unterstützte den Vortragenden bei seinem Vortrag.

Im Anschluss daran war die offene Diskussion gewünscht und wir hörten von rund 10 Rednern aus dem Publikum noch mal verschiedene Facetten der ganzen Problematik. Neben dem nochmal erwähnten ethischen Anspruch der Tierhaltung war insbesondere das Thema der Umweltbelastung durch so genannte MRSA Keime in der Diskussion. Ein Arzt aus Welle und unsere Mitstreiterin Amena Rauf-Vater haben zu diesem Thema eindrucksvolle Statements abgegeben, die so manchen im Saal Schauer über den Rücken laufen ließen.

Von Seiten der BI war eigentlich noch eine kurze Standortbestimmung von Andrea geplant. Leider hatte Andrea am Nachmittag einen Autounfall und ist ins Krankenhaus gekommen. Sie ist mittlerweile wieder zu Hause, hat jedoch eine lädierte Schulter und natürlich Schmerzen im ganzen Körper. Wir wünschen ihr an dieser Stelle gute Besserung und auf das sie bald wieder auf dem Damm ist.

Nun ist es Zeit noch unseren ganz herzlichen Dank zu sagen an alle Vortragenden, an Andrea für die Vorbereitung und die unermüdliche Telefoniererei, an Frank Ridder mit Helferin und Jochen für die Bereitstellung der Technik, an Brigitte, Inez und Alexander, Martin, Karl-Heinz, Ingrid, Bärbel und Michael für das Verteilen der Einladungen und ganz besonderen Dank an die beiden Schülerinnen Julia Marija Jacobs und Freundin Lena aus Stemmen, die allein ganz Vahlde mit unseren Wurfsendungen versorgt haben. Danke auch Fam. Kreib für die Organisation der Presse und der Kasse. Ich hoffe, ich habe jetzt keinen vergessen.

Fazit: Wir haben uns als BI-Fintel in die Wahrnehmung der Leute gearbeitet und werden weiter dafür kämpfen, den Maststall hier im Ort zu verhindern.

Unser nächstes Treffen findet statt am nächsten Mittwoch, den 12.10.2011 um 19.00 Uhr im Lindenkrug in Fintel.

Liebe Grüße
Thomas

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2 Antworten auf Nachlese

  1. BIM-Mike sagt:

    Lieber H.d. Lukas:

    Es gefällt mir gut, was im Kommentar zum Ausdruck gebracht worden ist:
    nämlich die Verflechtung von Landvolk und Agroindustrie (schaut Euch nur mal die vielen Posten vom Landvolkchef Werner Hilse und dem (noch-) Bauern-verbandpräsident Sonnleitner an).

    Da fallen einem ja sofort Verhältnisse in Italien ein.

    Und das die Privilegierung für Agrarfabriken (übrigens auch für Agrogasanlagen – fälschlicherweise häufig immer noch „Bio“-gasanlagen genannt) fallen muss. Wieso gibt es überhaupt in unserer modernen und demokratischen Gesellschaft noch „Vorrechte“ (denn dies sind Privilegien)?

    Agroindustrielle Tierproduktion ist (und bleibt) subventionierte Tierquälerei!

  2. H.d. Lukas sagt:

    Ja, der Landwirtssohn!!!
    Vielen Dank für Deine Mail!
    Ich denke, ich möchte gerne mit in Euren Verteiler, und wenn es mir die Zeit erlaubt, werde ich Euch auch hin und wieder mal was schreiben!
    Ihr habt Recht, Ihr seid noch lange nicht fertig. Es gibt noch viel zu tun.
    Und wenn es ums „Anders Denken“ geht, sind meine Ideen noch lange nicht ausgeschöpft!!
    Grundsätzlich ist die ganze Lobby der Landwirtschaft ein Zopf der 50iger und 60iger Jahre – ab damit!!
    Damals ging es wirklich um die Ernährung der Bevölkerung, das weiß heut ja kaum noch jemand.
    Heute geht es um Profit, Verträge, Subventionen, Marktanteile.
    Dahinter steckt natürlich eine Industrie mit besten Beziehungen in die Politik, denn hier werden die Richtlinien gemacht, und das heißt, das ganz große Geld verteilt, das im Übrigen von uns Steuerzahlern eingetrieben wird.
    Meine Meinung ist ganz klar:
    „Weg mit der Privilegierung der Landwirtschaft nach § 35 der Bauordnung !!“
    Die war ursprünglich mal angedacht für Aussiedlerbetriebe etc., um möglichst nah an den Ländereien zu wohnen.
    Heute wird Sie hemmungslos, schamlos und egoistisch genutzt um uns, der deutlich deutlich in der Überzahl befindlichen Gruppe der Nichtlandwirte (Steuerzahler) sämtliche Dreckschleudern von Ställen, Biogasanlagen, Güllebehälter etc. der modernen Agrarindustrie direkt vor die Haustür zu stellen, um damit unsere Steuergelder in Form von Subventionen abzukassieren.
    Das ist die Wahrheit!! Schluß damit!!
    Ganz nebenbei würde eine Initiative vor einer höheren Instanz sicher nicht ganz aussichtslos dastehen wenn nach § 35 – 3 – 7 die Entstehung, Verfestigung oder Erweiterung einer Splittersiedlung ansteht!
    Hier gilt doch zu klären was eine Splittersiedlung in der Auffassung der Menschen ist, nicht in der Auffassung der Landwirte!
    Gemeint damit ist, das gerade, wie bei uns in Fintel das Gebiet rund um die Biogasanlage noch viel Platz für weiteren Irrsinn der Landwirtschaft bietet.
    Na wenn das man keine Splittersiedlung wird.
    Soviel von mir!